Fundstückgeschichte: Ella schwebt

Diese Geschichte ist nicht nur ein Fundstück, sondern auch eine Begegnung. Und sie wollte undbedingt in die Welt: Ich hatte begonnen sie zu schreiben – und sie dann in den Wirren des Alltags vergessen. Bis mir tagelang immer wieder ein Name mit vier Buchstaben begenete: in Büchern, als Graffitto, als Autokennzeichen (nicht gelogen!). Schließlich hab ich sogar davon geträumt. Gut, Universum, ich habe verstanden. Hier ist Ellas Geschichte.

Sie sieht hinaus, zum Balkon. Wolken schieben sich durch die Fenster. Antikweiß. Taubengrau. Schiefer. Mehr Farben als ein blauer Sommerhimmel je haben könnte. Es ist windig, das hört sie. Die Baumspitzen gucken über das Balkongeländer, winken. Ella schreitet zur Balkontür, jeder Schritt bewusst: Von der Ferse bis zu den Ballen abrollen, den Boden spüren, Balance finden. Dann der andere Fuß. Sie schiebt die Balkontür auf. Vom Teppich auf kühlen Beton. Ihre Fußsohlen wachen auf und Ella lächelt. Eine Windböe weht ihr die weißen Haare um den Kopf. Noch ist er nicht da, der Sommer, aber sie kann ihn schon spüren. Die Tage werden länger und die Natur läuft über vor Grün und frühen Blüten.

Ella linst über das Geländer auf das Meer aus Baumwipfeln. Die Kastanien lassen ihre Blüten schneien, hier und da blitzen weiße Holunderdolden. Ellas Herz sackt etwas und sie denkt an den Hollerbusch in ihrem Kleingarten. Sein schwerer Duft in der Luft und die gelbweißen Pollen, die beim Sirupmachen Hände, Tisch und auch den Boden einfärbten. Damals, als Er noch bei ihr war und ihr Herz in der Hand hielt. Jetzt wohnt Er in ihren Erinnerungen.

Sie steht da, fühlt den Wind und genießt seine Berührung. So merkt sie, dass sie noch da ist. Ella liebt den Wind und die Welt. Ihr Herz ist nicht gealtert, aber unvollständig. Sie wünscht Ihn zurück in diese Welt. Dann könnte sie unter seinen Berührungen und Worten wieder Form annehmen. Sie fährt sich mit den Händen über die Arme als würde das ihre Kontur schärfen. Der Wind, kühl und regenschwanger, lässt sie frösteln als wolle er sie daran erinnern, dass sie da ist.

Ich möchte wieder wirklich sein.

Der Gedanke hat sich heimlich angeschlichen und sich auf Ellas Schulter gesetzt, begleitet sie zurück ins Wohnzimmer. Ihr Blick fällt auf das Foto über der Anrichte: Anton und sie vor türkisblauem Freibadmeer. Er in seinen dunkelblauen Badeshorts, sie im rosa Badeanzug mit der weißen Blütenkette am Ausschitt. Die Sonne lässt die Wasserperlen auf ihren gebräunten Körpern blitzen, ihrer beider Haare stehen weiß, wirr und feucht vom Kopf ab. Gemeinsam halten sie eine gerahmte Urkunde. 60 Jahre Mitgliedschaft in der DLRG. Zwei Wasserratten über 80, die wieder zum Spielkind mutierten, sobald sie das Freibad betraten.

Zwei Sommer ist das her. Zwei Sommer, seitdem Er, Anton, in eine andere Welt gegangen ist. Zwei Sommer, in denen Ella sich nicht mehr ins Freibad gewagt hat. Nicht, dass sie es nicht versucht hätte. Aber immer wenn sie mit ihrer Badetasche in der Morgendämmerung vor dem Eingangstor stand, das Plätschern im Ohr un den Chlorgeruch in der Nase, hatte sie das Gefühl auseinanderzufallen. Jedes Mal ist sie umgedreht, bevor die anderen Frühschwimmer sie bemerken konnten.

„Wo kommt das bloß her?“, denkt sie. Zwei Sommer lang hat Ella um ihr gebrochenes Herz herumgelebt. Um alles, was es hätte berühren und an seinen Schmerz erinnern können. An den freien Platz, den Er hinterlassen hat. Selbst seinen Nahmen hat sie gemieden, ihn nie ausgesprochen. Nicht mal gedacht. Anton. Sie fährt mit den Fingerspitzen über den Bilderrahmen. Wartet auf die Regenwolke, die sich zuverlässig um ihr Herz legt, sobald es sich auch nur ein bisschen regt. Da ist sie schon. Auch heute streift das tropfenschwere Grau Ellas Herz, aber es zieht weiter und lässt nur den Geruch nach Regen da. Und ein Ziehen. So als würde etwas ihr Herz rufen.

Ich will wieder wirklich sein.

Sie schaut auf das flüssige Türkis, das der Fotograf zu einer Erinnerung gebannt hat. Ella atmet tief ein. Sie weiß, was zu tun ist. Sie schreitet ins Schlafzimmer. Ein Griff hinter die Tür. Die Riemen ihrer Schwimmtasche legen sich in die Beuge ihrer gekrümmten Finger. Vertrautes Gewicht. Es legt sich einen Moment lang auch auf ihre Brust und sie fühlt sich wie die Luft vor einem Herbstregen. Ellas Herz will überlaufen, ihr Blick verschwimmt. Einen Moment lang möchte sie die Tasche wieder verstecken, möchte den Regen bannen. Aber sie atmet aus. Atmet alles das in die Welt. Die Tränen laufen still. Ella schaut noch einmal aus dem Fenster. Es hat angefangen zu nieseln.

Gut so, dann fallen die Tränen nicht auf.

Im Aufzug nach unten merkt sie, dass sie vergessen hat, Schuhe anzuziehen.

Egal, ich laufe lieber barfuß.

Ihr Herz regt sich wieder und Ella atmet überrascht ein. Wo kommt das bloß auf einmal her? Aber jetzt muss sie sich konzentrieren, barfuß hin oder her. Schritt, abrollen, Balance finden. Anderer Fuß. Die Tasche baumelt an ihrer Seite. Beruhigendes Gewicht. Den kalten Fliesen im Flur folgt der Sandweg durch den Park. Sie spürt die Erde, diesen riesigen Ball, der sie hält.

Auf halbem Weg muss sie auf einer Bank ausruhen. Ihre Kraft und ihr Gleichgewichtssinn haben nachgelassen, eine Nebenwirkung des Drumherumlebens, um die Trauer. Einatmen. Ausatmen. Beinebaumeln. Zehenwackeln. Nur um sicher zu gehen, dass das hier auch wahr ist. Ella schaut in den Himmel. Spürt die Regentropfen. Er fällt auf die durstige Erde – in ihr und um sie herum. Etwas in ihrer Brust beginnt zu knospen. Zu fühlen. Sie erschrickt. Wer fühlt, der fühlt Alles. Will sie das?

Soll sie umkehren? Ella hält das Gesicht in den Regen. Tränen und Tropfen mischen sich auf ihren Wangen. Sie fühlt ihr zersplittertes Herz. Aber auch das Leben, das daran zupft. Ella setzt ihre Füße wieder auf die Erde, stemmt sich hoch, wendet sich Richtung Freibad. Ihre Knie sind nicht so entschlossen wie Ella. Einen Moment lang schimpft sie sich dafür, dass sie sich so lange hat gehen lassen. Aber nur kurz.

Trauer kennt keine Disziplin.

Sie geht von Baum zu Baum, von Laterne zu Laterne, dann am Freibadzaun entlang. Türkis blitzt hindurch. Leises Schwappen, sonst ist es ruhig. Bei 15 Grad und Nieselregen geht nur der harte Kern Schwimmen. Ella kennt die Kassiererin nicht. Mit einem unverbindlichen Lächeln nimmt das Mädchen ihr Geld entgegen. Der Nachmittag im Freibad ist eine andere Welt als die der Frühschwimmer. Dort kennt man sich. Kurz fühlt Ella sich fremd, dann wieder erleichtert.

Ruhig, Ella. Kein Publikum, das dich kennt. Gut für den ersten Versuch.

Heute muss sie sich auf sich selbst konzentrieren. Aufpassen, dass sie nicht auseinanderfällt. Die Umkleide ist verlassen. Im Sitzen zieht sie sich um. Bewegungen in Zeitlupe. Ella fühlt sich schon jetzt wie im Wasser, entrückt und schwerelos. Schließlich sieht sie an sich hinunter. Der rosa Badeanzug mit den weißen Knospen am Bustier lässt ihre Haut hell scheinen. Ihre Füße in den Badelatschen: goldglitzernd und mit kleinem Schmetterling auf den Fußriemen.

Ella erkennt sich wieder. Ihr Herz atmet ein. Als würde sie einer Freundin wieder gegenüberstehen, die sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Nur eine Sekunde. Aber eine gewaltige. Ella atmet aus und ihre Kraft fließt durch ihre Beine in den Boden. Ihr Herz schlägt jetzt im Bauch. Sie schnappt nach Luft.

So kommst du nie ins Wasser und musst hier sitzenbleiben, bis dich irgendjemand einsammelt.

Da stoßen ihre Fersen gegen etwas Seidiges, das unter der Bank liegt. Sie langt nach unten und zieht einen Regenschirm hervor. Groß, mit einem massiven, klobigen Holzgriff. Rosa, Gold und Grün mustern den Stoff. Rüschen wellen sich um den Saum. Ella dreht den Schirm in der Hand. Er passt zu ihrem Badeanzug und den Latschen. Sie lächtelt ungläubig. Dann setzt sie die Metallspitze auf den Boden und stützt sich auf den Griff, drückt sich hoch.

Schlapp-schlapp. Klack. Schlapp-schlapp. Klack. In ungelenkem Walzertakt, mit wackeligen Knien, aber mit klarem Herzen schreitet Ella zum Becken. Chlorgeruch. Gurgeln und Glucksen. Sie hört es bevor sie es sieht. Und dann steht sie am Rand, dort wo die breite Treppe ins Wasser führt. Vor ihr ein Rechteck, gefüllt mit fließendem Türkis. Der Regen wirft Ringe auf die Wasseroberfläche.

Ella lehnt den Schirm ans Geländer, lässt gleich daneben ihre Schlappen stehen. Der raue Betonbonden unter ihren Füßen ist wärmer als gedacht. Sie umfasst das Treppengeländer, stützt sich daran ab. Das Wasser leckt an ihren Zehen.

Ein kleines „Och!“ kullert durch ihr Herz und hüpft über ihre Lippen. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe tastet sie sich vor. Das Wasser klettert über ihe Knöchel, ihre Waden, ihre Knie – immer höher. Bis Ella sich in die Umarmung aus Kühle, Glucksen und Schwerelosigkeit gleiten lassen kann. Ihr Herz sträubt sich gegen die Flut: Schmerz, Verlust, Wut. Es ist als würde es noch einmal zerspringen. Ihr Herz schmeißt um sich mit all den versteckten Erinnerungen, die sie sich bis heute verboten hat: Stirnküsse. Geteilte Desserts. Weggezogene Bettdecken. Gezanke um volle Mülleimer. Schwerelose Küsse, nachts im Freibad. Angenähte Hemdknöpfe. Lieblingslachfalten. Ein leerer Sessel.

Ella schnappt nach Luft, ein Mal, nochmal. Ihre Tränen mischen sich mit dem Regen und verschwinden im Wasserbecken. Dann ein tiefes Einatmen. Sie kann nicht anders, ihr Körper diktiert es ihr. Und Ella lässt los. Treibt in Wasserseide. Ihre Zehen gucken in den Himmel. Ihre Haare umspielen ihr Gesicht wie ein weißer Schleier.

Zum ersten Mal seit diesem Tag vor zwei Jahren, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach teilte, macht sie wieder Sinn. Sie spürt sich. Ihr Herz blutet und brüllt. Und atmet und schlägt. Es lebt.

Sie fühlt sich zerbrochen und ganz. Wirklich. Ella schwebt.

Fundstück:


Dieses Fundstück (ein pastell-gerüschter Regenschirm, gesehen an einem Morgen im Freibad) war auch eine Begegnung: eine alte Dame in einem rosa-beblümten Badeanzug und mit gold glitzernden Schlappen an den Füßen.

Fundort und – zeit:

Ein Himmelfahrts-Morgen im Freibad.

Darum Fundstückgeschichten: „Die Geschichten liegen auf der Straße!“

Dieser Satz begegnete mir als Radiovolontärin und hat mich seitdem nicht mehr verlassen. Was im Journalismus der Kompass zum Finden von Geschichten ist, gilt für mich auch im Kreativen Schreiben: Schau hin. Sei präsent. Horche. Und vor allem: Bleibe neugierig, höre nie auf mit dem Fragen. Dann finden dich die Geschichten. Manchmal liegen sie auf der Straße, kleben an Laternenpfählen, stehen an Bushhaltestellen, schwimmen im Fluss. Geschichten sind überall, man muss sie nur wahrnehmen. Hier teile ich meine „Fundstückgeschichten“ mit euch. Es sind Geschichten, die aus kleinen, feinen, besonderen Fundstücken im Alltag entstanden sind – weil sie mir ins Auge oder in die Hände gefallen sind. So verschieden sie auch sind, haben sie doch eines gemeinsam: Sie sind immer aus einem kurzen Moment heraus entstanden, weil das Fundstück mich hat stutzen, innehalten oder schmunzeln lassen. Weil es mich berührt hat und/oder eine Frage hinterlassen hat. Am Ende jeder Geschichte löse ich auf, um was für ein Fundstück es sich handelt und teile micht euch ein Foto (wenn ich eines habe) Viel Freude damit.

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